Allgemein 18. Oktober 2021

Der Große Zapfenstreich in Berlin – Ein guter Auftakt

von Wolf Gregis

Zwei Millionen deutsche Zuschauer verfolgen ein militärisches Zeremoniell in der ARD zur besten Sendezeit. Wann hat es das jemals gegeben?

Am 13. Oktober 2021 fand der Große Zapfenstreich zur Würdigung aller Soldatinnen und Soldaten des zwanzigjährigen Afghanistan-Einsatzes in Berlin vor dem Reichstagsgebäude statt. Es scheint, die Bundeswehr als Parlamentsarmee hat damit endlich ihren Platz im Herzen der Republik gefunden: als Teil und Schutz all dessen, wofür diese Demokratie steht.

Allein der Weg dorthin war schwer. Am 30. Juni 2021 kehrte das letzte deutsche Kontingent vom Hindukusch zurück. Stillschweigend wurden die Frauen und Männer in den sandfarbenen Uniformen im niedersächsischen Wunstorf vom Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, Generalleutnant Erich Pfeffer, und ihren Familien begrüßt. Von den Parlamentariern und der Bundesregierung, die sie Jahr um Jahr nach Afghanistan geschickt hatten, war niemand von Ort.

Das traf nicht nur die Afghanistan-Veteranen hart

In Verkennung der Bedeutsamkeit des Einsatzendes am Hindukusch für die gesamte deutsche Veteranenschaft gab man sich zuvor mit einer kurzen Befragung der Kontingentführung zufrieden, wie die Rückkehr denn zu handhaben sei. Welche Bedeutung dieser Tag auch für die 93.000 anderen Afghanistan-Veteranen und ihre Kameraden aus anderen Einsätzen haben könnte, schien niemandem in der Berliner Spitze bewusst. Wie viele Afghanistan-Veteranen es tatsächlich sind, lässt sich bis heute nicht genau sagen. Von 160.000 sprach das Verteidigungsministerium lange, zählte aber anscheinend auf Grund mangelnder Dokumentation nie korrekt. Tatsächlich scheinen es nun 93.000 zu sein.

Ihr Druck und der der Veteranenvereine, der Medien und aus den eigenen parlamentarischen Reihen reichte im Wahlkampfjahr jedoch aus, kurzfristig doch die besondere Würdigung der Afghanistan-Veteranen in Berlin herbeizuführen. Ursprünglich für den 31. August geplant, musste das Abschlusszeremoniell aufgrund der eskalierten Kabul-Krise auf den 13. Oktober verschoben werden. Höhepunkt und Abschluss: der Große Zapfenstreich am Abend vor dem Reichstagsgebäude.

Wer zu dieser Veranstaltung eingeladen werden wollte, musste schon zu den Honoratioren aus Politik und Bundeswehr gehören. Auch aktive Soldaten mit Einsätzen in Afghanistan hatten Chancen auf einen der wenigen Tribünenplätze, ebenso wie Vertreter der Veteranen-Vereine. Allen anderen blieben nur gute Beziehungen oder Hartnäckigkeit beim Bedrängen der Protokollstellen im Verteidigungsministerium. Oder der Platz vor dem heimischen Fernseher.

Und dennoch traten einige Afghanistan-Veteranen den Weg nach Berlin an, um wenigstens auf Hörweite an den Zapfenstreich heranzukommen. Sie wurden bitter enttäuscht. Fünfhundert Meter um den Reichstag war eine Bannmeile aus Zäunen, Sperren und Polizei eingerichtet worden: Drinnen die Honoratioren, draußen das Volk, dazwischen eine Sicherheitswüste. Viele hatten sich mehr erhofft.

„Heute ist Ihr Tag, der Tag der Würdigung. Sie stehen heute im Mittelpunkt“

…,sagte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Nachmittag in ihrer Rede beim Abschlussappell. Für viele fühlte sich das anders an. Mehr Mut wünscht man sich da von der Bundeswehr, sich nicht völlig zu entrücken von denjenigen, die den Afghanistan-Einsatz in zwanzig Jahren getragen haben. Und von denjenigen, die nach Berlin gekommen waren, um ihre Solidarität mit den aktiven und ehemaligen Soldatinnen und Soldaten auszudrücken. Denn eine Verankerung der Bundeswehr und ihrer Veteranen in der Breite der Gesellschaft muss auch eine direkte Begegnung mit ihr ermöglichen. Der Große Zapfenstreich wäre eine gute Gelegenheit gewesen. Die Angst vor Widerspruch darf nicht zu einer Isolation vor der eigenen Bevölkerung führen.

Und dennoch: Der Große Zapfenstreich war wichtig. Dass er live in der ARD übertragen wurde auch

Fast zwei Millionen Zuschauer sahen ihn. Menschen, die vorher kaum Berührungspunkte mit der Bundeswehr und ihren Auslandseinsätzen hatten, ließen sich nun durch eine Stunde Würdigung und Tradition führen. Noch vor einem Jahr waren solche Zahlen undenkbar. Etwas ist in den Köpfen und Herzen in Bewegung geraten. Man spürte es entgegen allen Geifers in der Twitter-Blase in den Gesprächen der folgenden Tage: in der Familie, unter Freunden und im Kollegenkreis.

Es braucht solche Anlässe, um ein Thema zu enttabuisieren: Dass die Bundeswehr und ihre Veteranen nicht nur Teil dieser Gesellschaft sind, sondern eine ihrer Stützen. Dass Auslandseinsätze unvermeidliche Notwendigkeit einer verantwortungsbewussten Politik in einer globalisierten Welt sind. Dass es daher einen neuen Umgang mit Veteranen braucht und dieser auch der eigenen Bevölkerung vermittelt werden muss, ist auch Aufgabe der Berliner Politik. Der Abschluss des Afghanistan-Einsatzes am 13. Oktober 2021 war ein guter Auftakt dafür.

Kommentare 2
  • Diese Kritik verstehe ich nicht. Beim Appell auf dem Paradeplatz waren noch jede Menge Plätze auf den beiden Tribünen unbesetzt.
    Beim Zapfenstreich war es schwer, in der Dunkelheit freie Plätze zu erkennen.

  • Ich Danke dir Wolf Gregis für diese klaren Worte, der Text spiegelt meine eigenen Gedanken nur in einer anderen nicht so diplomatischen Art. Wir als Recondo Vets MMC waren als Veteranenvertreter geladen und war auch vor Ort, die leeren Stühle wurden angeblich wegen Corona COVID-19 frei gehalten, wir persönlich waren auch kurz beim Treffpunkt des BUND Deutscher EinsatzVeteranen und haben es erlebt, das viel Kameraden keine Möglichkeit hatten an den großen Zapfenstreich heran zukommen. Mit öffentlicher Dankbarkeit hatte dieses leider nichts zu tun. Das BMVg bzw. die Bundeswehr muss noch ganz gewaltig mit den Umgang mit uns Veteranen lernen, darum ist es wichtig, das wir unser eigene VeteranenKultur erschaffen und auch mit Rat und Tat zur Seite stehen. Den Wertschätzung und Respekt gegenüber den Veteranen schaut anders aus.

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