Thematik 20. Januar 2020

Warum nur! – Wieso bist du Soldat geworden?

von Stefan Schlimme

„Warum Soldat?“ – Das werde ich oft gefragt. „Warum hast Du das gemacht?“ Oder „Wie kannst Du das nur tun?“ Etwas, das so leicht zu sagen ist, aber so schwer zu erklären… Warum wollen Ärzte Krankheiten heilen? Warum will die Feuerwehr Menschen retten, warum sorgen Polizisten für die Durchsetzung von Recht und Ordnung? Nein, an dem Gehalt liegt es sicher nicht. Es ist die Bereitschaft für andere da zu sein, ihnen zu helfen. Ideale zu bevorzugen als Gehalt. Das mutet bei Soldaten auf den ersten Blick wahrscheinlich merkwürdig an, bringt man diesen „Beruf wie jeden anderen auch“ gerne mit Töten (oder sogar „Mordlust“) in Verbindung. Woher diese Vorurteile stammen oder warum sie sich halten, weiß ich nicht. Sie stammen meistens von Menschen, die nie in der Bundeswehr gedient haben. Aber ich denke es ist besser von meinen Kenntnissen und Erfahrungen zu erzählen.

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Die Würde bleibt leider auf der Strecke

Warum bin ich Soldat geworden… Am Anfang standen moderne Vorbilder: als Jugendlicher habe ich in den Nachrichten verfolgt, wie die Bundeswehr bei Erdbeben in der Türkei geholfen, oder eine Luftbrücke mit Hilfsgütern nach Nordafrika errichtet hat. In der Zeitung habe ich von freiwilligen deutschen Soldaten gelesen, die in Kambodscha Minen räumen. Das hat mich sehr beeindruckt. Da konnte unsere Armee doch zeigen, dass sie mehr kann als zerstören und fremde Länder überfallen.

Und etwas war für mich schon seit dem Schulhof klar: Werde ich bedroht gibt es für mich drei Möglichkeiten; 1. Fliehen. 2. Sich der Situation stellen und handeln. 3. ‎Jemanden fragen, der helfen kann. Geflüchtet bin ich nie. Schwer zu sagen, das ist einfach nicht meine Art. Ich bin aber grundsätzlich kein aggressiver Typ, kann es aber sein wenn es die Situation erfordert. In der Berufsschule zum Beispiel hatte ich zwei Freunde. Einen bosnischen Serben und einen Kroaten. Es waren die 90er und wir waren in der selben Klasse. Jeden Tag haben sie sich geprügelt, und fast ebenso oft bin ich dazwischen gegangen. Manchmal, wenn es nicht so schlimm war, habe ich zugesehen und mich gefragt, wieso dieser Hass vom Bürgerkrieg bis nach Deutschland reicht, in unsere Schule.

Gegen den Hass konnte ich nichts machen, nur darauf achten dass sie sich nichts schlimmeres antun.

Bild: Stefan Schlimme

Nach erfolgreicher Prüfung hatte ich trotzdem keinen Job, also habe ich mich freiwillig zum Dienst gemeldet, während ehemalige Klassenkameraden studiert oder ihre ersten Erfahrungen in ihren Berufen gesammelt haben. Logischerweise haben auch einige ihren Wehrdienst verweigert, aber das hat mich nie gestört. Denn ich kannte ihre Einstellungen und es war einfach nicht ihre Art. Kein Mensch ist gleich. Kurz darauf bin ich in meinen ersten Einsatz gekommen, Kosovo, erstes Kontingent. Freiwillig. Natürlich haben mich Abenteuerlust und jugendliche Naivität mit dazu verleitet. Aber auch der Wunsch etwas bewirken zu können, die Konfliktparteien zu trennen. Wie vorher in der Berufsschule.

Wir wurde von jubelnden Menschen empfangen, stundenlang, viele Kilometer. Untergebracht waren wir in einem kleinen Feldlager, etwas von Pristina entfernt, dass man recht primitiv in einer ehemaligen Molkerei errichtet hatte. Zelte, bei bis zu – 30°C. Der Bevölkerung ging es zum Großteil nicht besser, keine Heizung, zerschossene Häuser. Die Leitplanken an den Straßen hatte man fast vollständig abmontiert, um sich daraus Notbehausungen zu bauen. Auch Gullideckel fehlten hier und da, um sie zu Geld zu machen.

Gehandelt wurde mit allem was es gab, was also nicht so viel war.

Bild: Stefan Schlimme

Die Armut und das Elend waren überall sichtbar und spürbar, Verwahrlosung und und Verfall war an jeder Ecke zu sehen. Wenn die Menschen sich die Mühe machten den Müll (was WIRKLICH nicht mehr zu gebrauchen war!) zu sammeln, wurde er einfach verbrannt. Abseits von den Straßen waren Massengräber, oder es lauerte der Tod in Form von Minenfeldern. Teilweise auch auf den Straßen. Ein Jahr später, im nächsten Einsatz, konnte ich sehen dass sich die Region erholt hatte. Es war kaum mehr Müll zu sehen, die Straßen waren intakt (sogar minenfrei!), auf den Märkten gab es wieder richtige Waren und bei den Menschen zeigte sich Zuversicht. Es hat mich tief berührt, dass unsere Anwesenheit, unser Handeln, tausende von Menschen wieder Hoffnung und Mut gegeben hat. Und die Chance auf ein neues Leben.

Bild: Claus Junger

Dabei ist die Unterstellung, töten zu wollen, schon… krank.

Ich denke was Soldaten kennzeichnet ist, dass sie in unmenschlichen, lebensverachtenden Umständen „arbeiten“ müssen, damit die Menschlichkeit hinter ihnen geschützt werden kann. Opfer lassen sich dabei nicht vermeiden, auch zivile nicht. Aber ich finde, die Gleichung wird immer nur halb gemacht. Es werden die Opfer gezeigt, gezählt, geschätzt – Aber es wird nie hochgerechnet, wie viele Menschen durch solche Einsätze am Leben geblieben sind, nicht vertrieben oder vergewaltigt wurden.

Soldaten sind trotz ihres zum Teil unmenschlichen Umfeldes immer noch Menschen mit einer Seele, mit Familien zu Hause. Und außerdem an Gesetze gebunden. Ja, ein Kampf wird hart und schnell geführt, und es werden dabei Menschen getötet. Das ist aber nicht das Ziel. So merkwürdig es klingt, man will einen Gegner ’nur‘ von etwas abhalten. Würde er einfach gehen, müsste man nicht kämpfen.

Eigentlich ähnlich einer Wespe, die einem vor den Augen rumschwirrt. Natürlich schlägt man reflexartig mit der Hand danach, um Schaden von sich abzuwenden. Wenn man nun die Wespe trifft und sie tot auf dem Boden landet, ist man dann ein Mörder? Es ist keine Absicht, aber der Tod von Lebewesen wird in Kauf genommen, ob bewusst oder unbewusst.

Und ich kenne keinen Soldat der gerne in einen Krieg zieht, gerade weil er weiß was ihn dort erwartet. Vielleicht ist er die Hand, vielleicht die Wespe. Aber er ist bereit das Risiko auf sich zu nehmen, damit es andere nicht müssen. Soldaten beschützen nicht nur andere, sondern auch einander. Es ist dabei völlig egal, welche Herkunft die Kameraden haben, zu welchem Gott sie beten, oder auch eben nicht – Kugeln, Granaten und Minen ist so etwas egal, und die Gefahr real.

Ich denke Soldaten sind um andere immer mehr besorgt als um sich selbst, auch wenn es todernst wird.

Weil man nicht nur Handlungen im Team trainiert, sondern weil man auch gleichzeitig die gedrillten Griffe und Schritte des anderen kennt. Die Abläufe sind also bei jedem im Prinzip gleich, jeder hat an der Uniform seine Ausrüstung in den selben Taschen, Erste – Hilfe – Material, Munition, Wasser. Persönliche Gegenstände. Im Gefecht oder unter Beschuss muss eben alles schnell gehen und eingeübt sein, da ist für Fragen oder Erklärungen keine Zeit. Gleichzeitig nimmt man als Soldat seine Kameraden als einen Teil von sich selbst wahr. Mehr als ein Familienmitglied. Im Einsatz baut sich zwischen Soldaten eine enge Bindung auf.

Bild: Stefan Schlimme

Man lebt auf engstem Raum recht lange Zeit zusammen, erlebt den anderen in extremen und intimen Situationen. Verstecken oder Privatsphäre ist nicht möglich. Ich habe so gut gelernt zu beobachten, dass ich selbst in der Nacht Kameraden an ihrem Gang, an ihrer Körperhaltung erkannt habe, die Art ihre Waffe zu halten. Kleinste Veränderungen fallen sofort auf. Daher finde ich die Bezeichnung „Kollegen“ für Soldaten unpassend. Kollegen sieht man eher acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Danach ist man für sich, hat seine Ruhe, ist getrennt von dieser Ebene. Man kann sich zeitlich und räumlich distanzieren. Als Soldat ist man immer im Dienst. In den „Freischichten“ ist man gleichzeitig in der Reserve und immer bereit.

Ein Ohr hört immer mit, auch im Schlaf.

Einsätze haben nicht nur positive Seiten, in einer anderen Ecke brach ein neuer Konflikt aus. Und wir waren mitten drin. Was dort geschehen ist, kann ich hier schlecht wiedergeben, weil ich es selbst kaum verarbeiten konnte. Weil ich die Worte zwar kenne, aber kaum aussprechen kann. Und verstehen ist eine ganz andere Sache. Ich habe jedenfalls Geschehnisse beobachtet, an denen man verzweifeln kann. Ich habe Dinge erlebt, die mich über den Rand des Verstandes katapultiert haben. Ich musste etwas tun, was ich nie tun wollte. Gleichzeitig war ich zu schrecklicheren, grausamen Dingen bereit. Zeitweise maximal vier Stunden Ruhe am Stück. Keine Verpflegung oder Sanitäter. Der Mensch ist ein ‚Gewohnheitstier‘, sehr anpassungsfähig.

Nach kurzer Zeit gewöhnt man sich an Anspannung und Angst, Schlafmangel und den möglichen, eigenen Tod. Und irgendwann war es mir egal, dass Raketen und Granaten über meinen Kopf hinweg gepfiffen und gedonnert sind. Es war zu anstrengend mir darüber ständig Gedanken zu machen. Schlafen in Stiefeln und Weste, die geladene Waffe nie außer Reichweite. Letztendlich waren es zehn Wochen im Daueralarm.

Als wäre die Zeit hier stehen geblieben, als würde es den Krieg, einen halben Kontinent weiter, nicht geben.

Das größte Problem dabei war, wieder nach Hause zu kommen, in den Alltag, den jeder kennt. Trubel, Konsum, die Art von Problemen, dass man es nicht zur Party schafft. Ich konnte erst mal lange Zeit keinen Park betreten, aus Angst vor Minen. Riesengroße Supermarktregale, aus denen man sich alles aussuchen kann, statt zu nehmen was gerade da ist. Gefunden habe ich trotzdem nichts. Vor lauter Farben, und weil ich nicht entscheiden konnte was besser ist: Produkt A von Hersteller B oder C. (Nur bei Toilettenpapier war ich wählerisch, solche Kleinigkeiten habe ich durch entsprechende Entbehrungen sehr zu schätzen gelernt).

Ich habe die Welt hier nicht mehr verstanden und kann es in Teilen immer noch nicht. Eine Wahl zu haben, in fast jeder Situation, widersprechen können… Und trotzdem einsam, weil ich es meiner Frau, meiner Familie, einfach nicht erklären konnte und kann. Einsam, ohne meine Kameraden, jemanden der es versteht. Unverstanden in der Zivilisation. Das hat mich überfordert.

Der Krieg ist als blinder Passagier mitgereist, versteckt in meinem Verstand.

Bild: Claus Junger

Das äußert sich in vielen Dingen, z.B. dass ich wieder über 1000 Kilometer weit weg bin und spüre, wie ich in meiner schweren Schutzweste kaum Luft bekomme und wieder den Staub im Mund habe, weil in der Innenstadt ein Luftballon platz. Oder immer zuerst unbewusst an eine (Spreng-) Falle denke, wenn ich etwas in der Gegend sehe, was dort nicht hingehört. Dass Adrenalin ausgeschüttet wird, wenn jemand auf mich zuläuft oder von hinten angerannt kommt. Dass mich zu viele Menschen und Geräusche müde machen, weil mein Unterbewusstsein ständig nach versteckten Gefahren sucht.

„Selbst schuld“, oder „geschieht euch Mördern recht“ habe ich nicht selten gehört oder gelesen. Mitleid habe ich nie gesucht, dafür Halt und schließlich Hilfe. Es war ein neuer, zermürbender Kampf, ausgetragen in Schreibstuben und Wartezimmern. Es ist sehr würdelos bei Ämtern etwas zu beantragen, um Hilfe zu bitten und den Grund sowie Hintergründe erläutern zu müssen. Alles noch mal zu durchleben, wieder und wieder. Nur damit es dann doch abgelehnt wird, weil es in den Ämtern und vor Gericht damit noch keine Erfahrungen gibt. Vom Staat, dem man treu gedient hat, lange Zeit alleine gelassen.

Bild: Roman Bracht

Von der eigenen Bevölkerung, für die man alles geben würde, verachtet.

Das schmerzt am meisten. Ein Held, wie auch immer diese definiert werden, wollte ich nie sein. Ich fühle mich nicht wie einer und möchte nicht so bezeichnet werden. Ich verlange kein Flaggenmeer oder kostenlose Reisen. Ich wollte nur das Richtige tun, und ich denke, das habe ich aus meiner Sicht auch geschafft. Wenn ich mal in Kroatien bin, finde ich zumindest dort Bestätigung. Für Einsätze bin ich inzwischen zu sehr geschädigt, obwohl ich noch alles dafür Notwendige kann und körperlich fit bin. Sehr gut sogar. Aber dafür bleibt der Rest meiner Menschlichkeit auf der Strecke, die ich mir bewahren möchte. Beides gleichzeitig ist nicht möglich. Aber wenn es sein müsste, würde ich es wieder tun.

Für andere Menschen, die in Not sind, sich nicht wehren können und mit dem Rücken zur Wand stehen, nicht weiter fliehen können. Und für meine Kameraden.

Stefan Schlimme

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