Aktion, Allgemein, Kunst & Kultur 21. Oktober 2019

Vom Objekt hin zum Subjekt – Das Projekt „80mm-Einsatzveteranen der Bundeswehr“

von Cäcilie Breithecker

Mit seinem Projekt „80mm-Einsatzveteranen der Bundeswehr“ betritt der Kölner Fotograf Roman Bracht, ein sprichwörtliches Minenfeld unserer Gesellschaft. Er berührt ein Thema, das stark polarisiert. Durch die Sichtbarmachung der Einsatzveteranen, spricht er eine direkte Einladung an den Leser und Besucher aus, die Haltung zu überdenken und mit eventuellen Vorurteilen aufzuräumen.

In jeder Uniform steckt ein Individuum

Das Projekt lädt den Betrachter dazu ein, diesem Individuum auf einer besonderen Ebene zu begegnen. Durch die Bilder und Interviews der Einsatzveteranen erhält der Leser bewegende Einblicke, in die unterschiedlichen Erfahrungen der Auslandseinsätze und dem Leben danach. Es schafft einen Raum zur persönlichen Begegnung und somit der Möglichkeit eines Perspektivenwechsels.

Vom Objekt – Zum Subjekt

Ein mutiger Schritt des Künstlers, zu seiner Motivation sagt er: „Ich war selber 8 Jahre Soldat auf Zeit und hätte in einen dieser Einsätze gehen müssen. Der Gesundheitszustand meines Vaters und die Pflege, waren einer der Gründe, warum es mir nicht möglich war. Es beschäftigt mich heute noch! Das Gefühl, die Kameraden aus militärischer Sicht, im Stich gelassen zu haben, schwingt auch mit. Im Einsatz konnte ich ihnen nicht zur Seite stehen, aber dafür kann ich mich jetzt für sie einsetzen. Dafür, dass man sie als einen Teil unserer Gesellschaft wahrnimmt, dem man mit Respekt und Wertschätzung entgegentritt.“

Den Mutigen gehört die Welt

Auch die Galeristin Susanna Heintz beweist große Courage, sich diesem kontroversen Thema zu widmen. Ein Thema das auf dem Kunstmarkt unüblich ist und sogar schadhaft wirken kann. Auf die Frage nach anfänglichen Bedenken, entgegnet sie: “Nein! Da ich bereits mit Roman Bracht in einer anderen Ausstellung zusammengearbeitet habe, wusste ich, das Projekt wird professionell und gut ausgeführt“

Den größten Mut zeigen jedoch die Protagonisten. Sie gewähren uns tiefe Einblicke in ihre Gefühlswelt, Erfahrungen und das Leben in und nach den Einsätzen. Im Buch zum Projekt erzählen sie ausführlich und suchen den Blickkontakt mit dem Betrachter.

Vom hektischen Treiben des Vortages ist, in der Galerie in Cochem an der Mosel, nichts mehr zu spüren. Auf den Straßen flanieren die Besucher von Cochem und bestaunen die Altstadt, die trotz Regen, nichts von ihrem einzigartigen Scharm verliert. Manche verweilen am Schaufenster der kleinen Galerie No 15 und beobachten das emsige Treiben dahinter. Ein Blick in einen hellen Raum, mit einer Fotoausstellung zu einem interessanten Thema, macht sie neugierig.

„Auf dem Rückweg von der Burg schauen wir definitiv vorbei!“

In der Galerie ist der ohrenbetäubende Lärm der Flex verstummt und auch Roman Bracht kommt langsam zur Ruhe. Fokussiert gehen er und Susanna Heintz nochmals durch die Ausstellungsräume. „Die Lichttemperatur könnte hier noch etwas wärmer sein“, bemerkt er und dreht nochmal den Regler. Die Werkzeuge werden verstaut, die Verpackungsreste entsorgt und zum letzten Mal an diesem Tag, erklingt das monotone Geräusch eines Staubsaugers.

Ein kurzes Durchatmen, schnell noch umziehen und dann kommen auch schon die ersten Gäste. Kurzfristig steigt die Nervösität beim Künstler. „Für mich ist es absolut wichtig, dass sich die Protagonisten mit dem Ergebnis wohl fühlen. Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt, eine große Verantwortung die ich trage“, erklärt er.

Eine Begegnung mit sich selbst

Je mehr Gäste eintreffen wird deutlich, alle sind sehr beeindruckt von der Umsetzung und Gestaltung des Projektes. Es ist ein ganz besonderer Augenblick, wenn Protagonist und Werk, dass erste Mal in dieser Form, aufeinander treffen. „Das ist eine Begegnung mit mir selber! Das muss ich erst mal sacken lassen“, betont ein Teilnehmer und atmet tief durch. Aber auch Gäste und Besucher, lassen sich von den Bildern und Texten fesseln. „Ich wusste ja, dass Roman ein Fotoprojekt macht, aber das es solch eine Dimension hat, war mir nicht bewusst. Das geht unter die Haut und ich bin zu tiefst beeindruckt“, sagt ein Angehöriger.

Anstoß zu einer Auseinandersetzung

Einer der Gäste ist seit einer Stunde, tief in das Buch zum Projekt versunken. Für einen Moment taucht sie auf und sagt: “Unglaublich, dass ist so berührend. Ich bin überwältigt von den Bildern und Erzählungen“, später erklärt sie noch: „Für mich war es heute ein Anstoß, mich überhaupt mit diesem Thema einmal auseinander zu setzen und mir war nicht bewusst, welche Auswirkungen die Einsätze auf das Leben der Soldaten und ihre Familien haben. Das Projekt hat mich auf alle Fälle zum Umdenken angeregt. Ich werde dem Thema jetzt viel offener begegnen und aufmerksamer sein.“

Der Gewölbekeller Bild Galerie No 15

Christophe Böckling stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Combat Veteran e.V. und Teilnehmer am Projekt, zeigt sich sichtlich beeindruckt von der Ausstellung und der Begegnung mit den Werken. „Es ist wirklich toll geworden und das Projekt ermöglicht der Zivilgesellschaft, einen anderen Blickwinkel auf uns.„

Begegnungen schaffen Möglichkeiten

Die Besucher wandern durch die Räume und lassen sich, in die Welt der Einsatzveteranen mitnehmen und spätestens im Gewölbekeller, lässt es niemanden mehr unberührt. Eine fast sakrale Stimmung herrscht hier, sie unterstreicht würdevoll die Bedeutsamkeit der Thematik. „Für mich war das eine Herzensangelegenheit, aus Schleswig Holstein anzureisen. Roman und sein Team haben sich furchtbar viel Mühe gegeben, auch in der Vorbereitung. Das, so live zu sehen, hat mich zu tiefst berührt“, sagt Jenni Bruns, Teilnehmerin des Projektes.

Vor der Türe der Galerie steht Bernhard Drescher und sammelt sich. Auch für ihn ein bewegender Tag. Als Bundesvorsitzender des Bund Deutscher Einsatzveteranen, setzt er sich seit Jahren für den Respekt und die Anerkennung der Einsatzveteranen ein. „Nach dem zweiten Schritt hatte ich erst mal Gänsehaut. Ich kenne den Großteil der Teilnehmer und auch für mich als solcher, ist die Berührung mit dem Thema eigentlich auch immer ein kleiner Schritt zurück in die eigene Vergangenheit, zumindest im Kopf“, sagte er und fügt hinzu: “Ein Projekt, das uns Einsatzveteranen aus unserer eigenen Blase herausbringt, in dem über Kunst andere gesellschaftliche Schichten erreicht werden können. Wir, als Soldaten und Veteranen sind ein Teil der Gesellschaft und wir müssen in die Öffentlichkeit. Weil wir da hingehören und dazugehören! Ich hoffe, dass die Ausstellung viel Erfolg hat.“

Ein bewegender Eröffnungstag neigt sich langsam dem Ende zu.

Die Anspannung der letzten Wochen und Monate fällt nun langsam ab und Roman Bracht, wie auch Susanna Heintz sind sehr zufrieden. „Es war wunderbar und alles ist gut gelaufen. Zu diesem guten Gelingen, haben viele beigetragen. Besonders konnte ich mich auf das Team von Veteranenkultur verlassen. Es hat mich und das Projekt im besonderen Maße unterstützt“, sagt er und erklärt, bevor er sich in den Stuhl fallen lässt: „Gemeinsam mit Cäci habe ich Veteranenkultur gegründet, um genau auf diesem Weg, den direkten Kontakt mit der Zivilgesellschaft zu suchen. Es werden noch viele spannende Aktionen und Ideen in Zukunft umgesetzt. Kunst, Musik, Sport und Kultur sind unsere Instrumente, mit denen wir Räume der Begegnung schaffen werden.“

Bilder Roman Bracht und Susanna Heintz

Die Ausstellung zum Projekt findet vom 19.10.2019 bis zum 16.11.2019 in der Galerie N°15 in Cochem an der Mosel statt.

Fr: 13.00 – 20.00 Uhr, Sa: 12. 00 – 18.00 Uhr, So: 14 00 – 18.00 Uhr
und auf Anfrage

Galerie N°15
Oberbachstrasse 15
56812 Cochem / Mosel
heintz(at)no-15.de

Informationen zur Buchbestellung erhalten Sie hier

Die Gewinne aus dem Verkauf, des Buches zum Projekt, werden zu 100% an gemeinnützige Organisationen, mit Themenbezug gespendet.



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