Robert Hartert – gefallen im Karfreitagsgefecht

StGefr Robert Hartert (25) *27.06.1984 +02.04.2010

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Du stehst vor der Gedenkstele des Stabsgefreiten (StGefr) Robert Hartert. Dieser Stein steht hier jedoch nicht ohne Grund. Er ist ein Zeichen direkt in der Mitte unserer Gesellschaft. Von dort, wo Menschen wie er herkommen. Doch wer war Robert und warum wurde ausgerechnet dieser Ort gewählt, um ihm zu gedenken?

Wer war Robert Hartert?

StGefr Robert Hartert (25) *27.06.1984 +02.04.2010 Kunduz, AFG, diente als Soldat auf Zeit in der Bundeswehr. Bis zu seinem Todestag gehörte er dem Golf-Zug des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf an. Während des Karfreitagsgefechts gerieten er und seine Kameraden in das bis dahin schwerste Gefecht seit dem II. Weltkrieg.

Robert Hartert wurde am 27.06.1984 in Wilsdruff geboren. Er ist hier aufgewachsen, hat den Kindergarten und die Schulen von Wilsdruff besucht. Seine Leidenschaft für Sport zeigte sich bereits als Kind. Nachdem Deutschland 1990 Weltmeister wurde, war die Begeisterung eines jeden kleinen Jungen entfacht. So auch bei Robert, und seitdem spielte er bei Motor Wilsdruff bis zum Ende der A-Jugend. Er war nicht nur sportlich sondern auch ehrgeizig, fleißig und diszipliniert. Lief etwas nicht so wie er es sich vorstellte, auf oder neben dem Platz, so wurde trainiert und gelernt, bis es ihn zufriedenstellte.

Seine Ausbildung

Nach dem Abschluss der Oberschule begann er eine Lehre zum Zimmermann. Nach wenigen Wochen kam Robert entsetzt nach Hause, hockte sich an den Mittagstisch, holte tief Luft und entlud sich kochend in seiner unverkennbar sächsischen Art: „Muddi, jetz stell dir mal vor. Morchens um Sechse, gehn da im Bauwachen schon de Bierkannen uf. Überläääg ma! Näh, das is nix für mich.“ Er verschwendete seine Zeit nicht gern mit Dingen oder Menschen, hinter denen er nicht stand. Entschlossen wechselte er und ließ sich zum staatlich geprüften Wirtschaftsassistenten ausbilden. Dort lernte er auch Henri kennen. Henri sollte einer seiner engsten Freunde werden. Beide beendeten ihre Ausbildung erfolgreich im Juli 2006. Dieser junge Bursche, der zum Mann mit festen Werten und Vorstellungen herangereift war, wollte erstmal „was in der Tasche haben“.

Robert und seine „BROCON“

Durch den Kreis um Henri, ihre „BROCON“ (die Felixe, Benni, „OJ“ Moritz und die Steinis), zog es ihn mehr und mehr nach Dresden. Die Stadt, die SG Dynamo, die Sachsen und Deutschland — er identifizierte sich zu 100% mit seinen Wurzeln und war stolz darauf. Sein Freundeskreis war kein Zufall. Das waren Männer, die genauso tickten. Brüder, nicht nur Freunde. Wer etwas gegen ihn, seine Familie, seine Freunde oder „sein Sachsen“ sagte, dem machte er unmissverständlich klar, dass demjenigen nach sächsischem Landesrecht „ne Ordnungsschelle“ drohte. Und die käme nicht von ungefähr. Denn sportlich ging es mit „Pumpen“ und Thai-Boxen weiter. Auch für seinen 10 Jahre jüngeren Bruder Martin, war er immer da und ein großer Bruder, zu dem man aufschauen konnte. Auch wenn im Kinderzimmer mal die Fetzen flogen und die Rangfolge im Rudel geklärt werden musste, war Robert stets der, der sich schützend vor seinen kleinen Bruder stellte und die besagte, in Sachsen rechtlich konforme „Ordnungsschelle“ immer links tief parat hatte. Martin wurde später auch von Roberts engstem Kreis aufgenommen und ist bis heute Teil dessen.

Sein Erscheinungsbild war ihm wichtig. Sehr gepflegt (eher schon eitel) und durchtrainiert. Kurze Haare, tadellos rasiert, Scheitelstrich und wehe dem, jemand fuhr ihm mit der Hand durch die Haare — er würde es kein zweites Mal probieren. Aber so, wie er sich pflegte, hegte er auch seinen grünen Opel, später dann seinen geliebten Audi. Ich erinnere mich noch gut, wie er wochenlang vor dem Kauf, von diesem Auto schwärmte. Der Audi war ihm heilig, und er hat ihn behandelt wie einen Tempel. Immer poliert, immer makellos, immer mit Pflegetuch in der Hosentasche. Wer darin essen wollte, musste einen Antrag stellen. Abgelehnt wurde er trotzdem.

Robert Weg zur Bundeswehr

Mit der Ausbildung hatte der „Dicke“ oder „Ecke“, manchmal auch „Kante“, wie ihn der engste Kreis nannte, nur die Zeit bis zu seiner Einberufung zum Wehrdienst in der Bundeswehr überbrückt. Dort stellte er sich seiner eigentlichen Bestimmung. Ihm war schon vor der Musterung klar, es kann nur eine Truppengattung geben, in der er dienen würde. Er wollte Fallschirmjäger werden. Nicht irgendwas, sondern nur und genau das. Er lebte nach einem Kodex, den er nicht jedem erklärte, den man aber gespürt hat. Dazu gehörten Ehre und Stärke, Zusammenhalt, Bruderschaft. Die Bilder aus „300“ (Tattoo: Leonidas auf der Wade und den Spartiaten-Helm auf den Rippen) oder „Gladiator“ waren für ihn kein Kino, sondern eine Haltung. Eigenschaften und Werte die es gerade in dieser „Speerspitze“ brauchte.

Am 01.10.2006 sollte es erst nach Wildeshausen in die 6./FschJgBtl 313 und nach der allgemeinen Grundausbildung in die 3./FschJgBtl 373 nach Seedorf gehen. Er wechselte nicht einfach den Beruf, sondern folgte seiner Berufung und lebte seinen Traum. Er passte auch 1A ins Bild eines Soldaten. Auf Sauberkeit achtend, ordentlich, diszipliniert, loyal und körperlich enorm leistungs- und leidensfähig. Auch nach einem langen Marsch, wenn andere zusammengebrochen sind und mit sich beschäftigt waren, war Robert der Erste, der sich wieder richtete und wenn nötig noch im Wald rasiert hat. Für ihn war das kein Aufwand. Es war seine innere Haltung. Gab man ihm Widerwillens (wenn auch nur um ihn zu testen) den schweren Munro (Rucksack) des MG2 Schützen, wurde der Auftrag erfüllt. Erst am Ende brachte er auch seinen Unmut darüber lautstark vor. Er wollte eben nicht der sein, der die „Mumpeln“ schleppt – sondern der, der sie verbraucht.

Wie hat Robert getickt?

Robert war beim ersten Kennenlernen nicht leicht zugänglich. Man musste was mitbringen: Selbstbewusstsein, Substanz, keine leeren Sprüche. Wenn man das hatte, konnte aus einem Fremden, ein guter Kamerad und echter Freund werden. Einer, auf den man sich verlassen und mit dem man Pferde stehlen konnte. Mit ihm sprach man über Familie, Kinder, Zukunft und das Leben. Er war impulsiv, direkt, manchmal unbequem ehrlich, aber niemals unehrlich. Das „sächsische“ Herz auf der Zunge sorgte für manchen Aufreger und hat dennoch viele zum Schmunzeln gebracht. Er hatte eben was in der Birne und war reflektiert genug Missstände anzusprechen, Lehrgänge einzufordern, Leistung zu bringen, für andere da zu sein und eigenes Fehlverhalten einzusehen — später, viel später. Seine Zündschnur war oft kurz. Sehr kurz. Man konnte ihn gut mit einer Tankstelle vergleichen, die permanent gebrannt hat. Hier fliegt eine Gasflasche, da explodiert eine Zapfsäule und irgendwo brennt immer noch was nach. Aber Robert war kein Mensch, der jemanden einfach hat dumm dastehen lassen. Wenn er jemanden zurechtgewiesen hat, egal ob mit Worten oder mit mehr, hat er danach „meistens“ noch erklärt, was derjenige hätte besser machen können. Nicht aus Überlegenheit, sondern weil er den Unterschied kannte zwischen jemandem, der böse ist, und jemandem, der es einfach grad nicht besser wusste. Für Letzteres hatte er dann auch Geduld, mitunter begrenzt. Das hat nicht jeder erwartet und erst recht nicht jeder geglaubt, bevor er es selbst erlebt hat.

Und dann war da noch der Moment, den man nicht vergisst: Dieser oft mürrische, breite Kerl, der 2008 einen neugeborenen Jungen vorsichtig aus dem Laufgitter hebt und so behutsam und sicher mit ihm umgeht, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Das war auch Robert.

Am Karfreitag 2010 ist er in Afghanistan gefallen.

Wir erinnern uns an ihn, wie er war — aufrichtig, gradlinig, charakterfest, loyal. Werte, die er nie erklärt hat. Die er einfach gelebt hat. Und die heute, viele Jahre nachdem wir ihn verloren haben, keine Selbstverständlichkeit mehr sind.

Ein robuster Kerl mit Ecken und Kanten — so wie diese Stele.

„Wir wussten, worauf wir uns einlassen — gekämpft hat man für den Mann, der neben einem stand.“

(Zitat General Trull)

So war Robert – unser Freund und Kamerad.

Wir werden Dich niemals vergessen und uns eines Tages wiedersehen.

stamus una – cademus una 

An dieser Stelle möchten wir ausdrücklich an all die Kameraden, Freunde und Angehörigen denken, die direkt und indirekt an diesen schmerzhaften Geschehnissen beteiligt waren und dadurch ihre Verwundungen an Leib und Seele erlitten haben. Ihr Schicksal ist nicht vergessen!

weiter zu Nils Bruns

Die Stele ist ein Gemeinschaftsprojekt von Veteranenkultur e.V., der Stadt Wilsdruff und dem Good Friday Battle – Team