Allgemein 13. August 2022

Die Veteranen stemmen eine Last für uns alle, Sie tragen die Schande des Krieges,…..

von Detlef Förster

…die Ablehnung, und den Zorn“

Film The Last Full Measure

Veteranen, Einsatzveteranen oder vielleicht doch nur Soldaten?

Spätestens seit August 2021 und dem desaströsen Abzug deutscher Soldatinnen und Soldaten aus Afghanistan hat auch diese Diskussion den Weg aus dem Schattendasein in das Licht des öffentlichen Gedankenaustausches gefunden. Eine Verurteilung aller Angehörigen der Streitkräfte in Bezug auf die Vorgehensweise, die verpassten Chancen und Ziele in 20 Jahren Afghanistaneinsatz soll dies nicht sein. Im Gegenteil, sie mussten umgangssprachlich wieder mal „die Kohlen aus dem Feuer holen“, indem sie ihr Leben in der darauffolgenden Evakuierungsmission afghanischer Ortskräfte und deutscher Staatsbürger riskierten, um das schlechte Gewissen der versagenden Politik und desinteressierten Bevölkerung zu beruhigen.

Eine Gesellschaft, worin Krieg, Tod und Verwundung keinen Platz hat, aber auch die deutsche Politik haben den Menschen in Uniform, welche durch ein Parlament in Drittweltländer gesandt werden, schmerzlich gezeigt, dass sie ein unangenehmen Teil einer viel zu lang verdrängten Realität sind.

Bild : Roman Bracht

Der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck sagte im März 2004 „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“.

Seit 1991 sind deutsche Soldatinnen und Soldaten an Auslandseinsätzen der Bundeswehr beteiligt. Die Diskussionen von aktiven und ehemaligen Angehörigen der Streitkräfte untereinander, aber auch in der Bevölkerung, waren noch nie so hitzig wie heutzutage.

Der Ruf nach mehr Anerkennung und Wertschätzung für Ihre geleisteten Dienste, aber auch nach einer besseren Versorgung für Geschädigte und deren Familien nimmt stetig zu und scheint auf einmal doch gesellschaftsfähig zu sein. Nicht nur aus den Reihen der Truppe, sondern auch aus der Bevölkerung reift ein Erstaunen darüber, wie der größte Teil der politischen Akteure unseres Landes, aber auch der Großteil einer Gesellschaft dieses Thema mit ihrem „gesunden“ Desinteresse ignorieren konnte.

Da scheint es passend, die Diskussion darüber den Betroffenen weiterhin alleine zu überlassen. Resultat dieser politischen und gesellschaftlichen Gleichgültigkeit sind Auseinandersetzungen und Diskussionen der Beteiligten wie z. B. „Wer der bessere und würdigere Soldat sei“.

In den sozialen Medien kursieren Thesen wie z. B. „Nur mit Beteiligung an einem Auslandseinsatz ist man ein richtiger Soldat und Veteran“, oder besser noch: „ein echter Einsatzveteran“, aber auch die Unterteilung „Du warst zwar im Einsatz, aber ja nur im Camp“ bis hin zu „Du warst ja nie im Gefecht“

Bild : Roman Bracht

Sinnbildlich als Gedenkkultur und Mahnmal für den Beruf Soldat der Neuzeit steht das Karfreitagsgefecht aus dem Jahr 2010. Unsere Gesellschaft sah sich das erste Mal mit dem Wort „Krieg“ konfrontiert. Auf die bequemen Bilder von Brunnenbau und Aufbauhilfe folgten plötzlich Bilder von Verwundung – töten und getötet werden. Sie überforderten unsere Gesellschaft bereits damals.

Was ist jedoch mit den ganzen Auslandseinsätzen zuvor, ob humanitär oder militärisch? Sind die an Leib und Seele verwundeten und getöteten Bürger in Uniform daraus als normal anzusehen? Muss man in der Bewertung über den Verlust eines Menschenlebens unterscheiden, ob es in Gefechtshandlungen, bei einem Anschlag oder gar bei einem Unfall in einem Auslandseinsatz verloren ging?

Muss man darin unterscheiden, was ein ehrwürdiger Tod eines guten Soldaten ist, damit ihm Politik und Bevölkerung regelmäßig gedenkt?

Wenn es um die Frage geht, wie gesellschaftsfähig eine Veteranenkultur ist, steht überwiegend das Desaster in Afghanistan im Fokus. Wieder blendet man jene innerhalb dieser Diskussion aus, welche ihren Dienst verrichtet haben. Politik und Gesellschaft lassen diese Frauen und Männer mit ihren Bedürfnissen als ein Teil der Bevölkerung wahrgenommen zu werden, weiterhin völlig alleine.

Als Resultat führt dies zu einem Prozess mit einer Eigendynamik, welche wir als Gesellschaft gemeinsam mit Medien und Politik unbedingt kanalisieren sollten. In den sozialen Medien bezeichnen sich viele der ehemaligen und aktiven Veteranen als Generation ISAF. Mittlerweile unterscheidet man sogar, indem die Mission in Afghanistan unterteilt wird in Generation Kunduz, Kabul, OP North usw. Man diskutiert darüber, dass nur derjenige Soldat, der eine Gefechtsmedaille habe, ein richtiger Einsatzveteran sei.

Veteraninnen und Veteranen, welche ihren Dienst in anderen Ländern verrichteten und die ähnlich hilflos mit Tod und Verwundung konfrontiert wurden, schmälern mittlerweile sogar ihre eigenen Leistungen und Erlebnisse, denen gegenüber, die ihren Krieg in Afghanistan geführt haben.

All das unter dem wie von mir bereits erwähnten Desinteresse der Politik, Medien und Gesellschaft, welche ein Rosinenpicken betreibt.

Ist es gewollt, das die neue Generation von Kriegserfahrenen und ihren Familien selbst schauen muss, welche Stellung sie in der Gesellschaft einzunehmen haben und wie sie mit ihren Problemen im Alltag klarkommen? Oder ist eine gesellschaftliche Verantwortung um die Frage: „Was sind uns diese Menschen Wert?“ nur noch nicht im Bewusstsein der Verantwortlichen angekommen?

Bild: Claus Junger

Missionen zur Sicherheit im Mittelmeer, zur Seeraumüberwachung, Friedenssicherung, Ausbildungsmissionen für Sicherheitskräfte und Überwachung von Waffenembargos in Ländern wie Kosovo, Somalia, an der Küste Libanons oder in Kuwait, Afghanistan und Mali, all dies wurde und wird von Bürgern in Uniform mit dem Beruf einer Soldatin oder Soldaten in den Farben und Flagge unseres Landes ausgeführt. Ist vor diesem Hintergrund eine Diskussion über die Wertigkeit der durch das Parlament erteilten Aufträge, notwendig?

Oder gar die bizarre und durchaus diskutierte Frage, ob Angehörige der Streitkräfte, die ihren Dienst in der Heimat über Jahre hinweg pflichtbewusst erfüllten und in Krisenzeiten unser Land unterstützten, überhaupt einen Wert haben, da sie ja nie in den zweifelhaften Genuss eines Auslandseinsatzes gekommen sind?

Meine Formulierungen sind bewusst provokant gewählt. Ein Jahr nach dem Aus in Afghanistan hinken wir trotz so vieler öffentlicher Versprechungen immer noch der Realität hinterher.

Das Mindeste, was wir als Gesellschaft, Medien und Politik in diesem Land, den aktiven und ehemaligen Soldatinnen und Soldaten schuldig sind, ist ihre Wahrnehmung und die Frage nach ihren Bedürfnissen und Forderungen für sich und ihre Familien. Wir müssen damit leben lernen, dass eine neue Generation von Veteraninnen und Veteranen der Neuzeit mitten unter uns weilt.

Das sind wir auch unserer Gesellschaft schuldig, die viel zu lange teilnahmslos weggeschaut hat und die Verantwortung an die gewählten Volksvertreter abgeschoben hat. Der Diskurs kann und darf nicht nur die Angelegenheit der Veteraninnen und Veteranen sein – Medien, Gesellschaft und Politik sollten Fragen stellen wie:

  • Welche Art der Anerkennung und Wertschätzung wollt ihr
  • Möchtet ihr als Einzelperson oder Teil der Armee wertgeschätzt und wahrgenommen werden
  • Wie kompromissbereit seid ihr der Gesellschaft gegenüber

Diese und viele weitere unbequeme Fragen im Umgang mit der Bundeswehr müssen öffentlich diskutiert werden , um einen gemeinsamen Konsens zu finden. Nur so schaffen wir es meiner Meinung nach den Fokus wieder auf das Wesentliche zu lenken und eine in Blasen stattfindende Diskussion innerhalb und außerhalb der Truppe zu verhindern. Weg von: jeder für sich – hin zu miteinander reden. Nur so schaffen wir es gemeinsam als Gesellschaft, eine nachhaltige Veteranenkultur zu gestalten.

Bild Roman Bracht

Eine öffentliche Disskusion zwischen Politikern, Bevölkerung, Veteraninnen und Veteranen nimmt auch jenen Gruppierungen, welche die Verfassung und Rechtsstaatlichkeit unseres Landes anders interpretieren und im Becken der Verlorenen fischen, die Grundlage ihrer Argumentation, nämlich das sich eh niemand für die Bedürfnisse der Soldatinnen und Soldaten interessiert.

Die Eigendynamik, welche irgendwann nicht mehr aufzuhalten ist, kann nur kompromissbereit durch Veteraninnen, Veteranen, Politik und Gesellschaft aufgehalten werden.

Wir müssen diesen Menschen einen Platz in unserer Gesellschaft freiräumen und uns der unbequemen Wahrheit stellen, dass Krieg und die Folgen daraus auch uns angehen und manchmal näher sind als wir denken.

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