Gedenken, Interview 15. Oktober 2019

Ein Mann, ein Stein und eine Hommage an die gefallenen deutschen Soldaten

von Cäcilie Breithecker

Es gibt Helden, die sich für etwas Besonderes einsetzen, im Rampenlicht stehen und bejubelt werden. Es gibt aber auch Helden, die lieber im Verborgenen bleiben – still und ohne großen Auftritt. Einer davon ist Christophe Böckling, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Combat Veteran e.V. und deutscher Repräsentant der FMO (Fédération du Mémorial de l’OTAN) in Frankreich. Als Mitorganisator von Gedenkveranstaltungen im In- und Ausland tätig, zuletzt für ein deutsches Projekt zum Gedenken und dessen Kranzniederlegung am Arc de triomphe in Paris . Ein Mann, der sich unermüdlich für unsere Veteranen, deren Anerkennung und Respekt einsetzt, das Thema fest im Fokus.

Ein Mensch mit großem Herz

… der um die gefallenen Kameraden trauert und den Angehörigen sein aufrichtiges Mitgefühl schenkt. Einer, der nicht zögert, ein paar Soldaten an der Autobahnraststätte, einen Kaffee auszugeben. Es ist seine spontane Art ihnen Dank und Wertschätzung zu zeigen. Als ehemaliger Soldat im Auslandseinsatz kennt er die Gefühle, Gedanken, Entbehrungen und Schmerzen aus eigener Erfahrung. Vielleicht nahm er aus diesem Grund einen der Steine, aus dem Wald der Erinnerung mit. Er lag dort zur Mitnahme bereit. Steine, die für den Wiederaufbau des Ehrenhains, aus dem Feldlager der Bundeswehr bei Kunduz, ungenutzt blieben.

Ein Ort zum Innehalten – an dem für einen Moment die Welt stillstand.

Der Ehrenhain aus dem Bundeswehrfeldlager bei Kunduz diente von 2004 als Gedenkstätte, für die gefallenen und verstorbenen Soldaten des Afghanistan Einsatzes. Zum Fortbestehen der Erinnerungskultur überführte man den Ehrenhain 2013, vor der Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee, in den Wald der Erinnerung nach Potsdam. In verkleinerter Form wiederaufgebaut, dient er seitdem als Ort des Gedenkens.

Er führte zusammen, was zusammen gehören sollte

Zurück zu unserem besonderen Stein. Am Tag der Bundeswehr 2018 stellte Christophe ihn in einer Vitrine, am Vereinsinfostand für die Combat Veteranen, aus. Viele Menschen erfuhren so etwas über die Bedeutung, Geschichte und den Weg. Auch Willy Breton aus Frethun bei Calais (Frankreich) Gründer und Präsident der FMO (Federation Memorial de l’Otan) ließ sich von Christophe über den Stein informieren. Auf die Frage des sichtlich berührten Herrn Breton, ob er diesen Stein an einen ganz besonderen Ort bringen dürfe, willigte Christophe ohne Zögern ein. Er stiftet ihn im Namen der Combat Veteran e.V. an die FMO.

EN HOMMAGE AUX SOLDATS ALLEMANDES MORTS EN AFGHANISTAN

Unter der Leitung der FMO sowie der Gemeinde von Frethun und in Anwesenheit international hoher Abordnungen aus Militär, Politik und Wirtschaft wurde am 14.09.19 die neue Gedenkstele eingeweiht. Sie ist nun fester Bestandteil des Nato-Memorials in Frankreich.

Ein besonderer Moment in seiner Veteranenarbeit.

Gemeinsam mit den Bürgermeistern von Frethun und Calais, dem Präsidenten der FMO, einem Vertreter der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dem monegassischen Botschafter enthüllte Christophe Böckling die neue Gedenkstele und hielt anschließend, vor den mehr als 400 Gästen, eine bewegende Rede.

Veteranenkultur traf Christophe Böckling und konnte dem sonst eher stillen Zeitgenossen ein paar Fragen stellen. Herzlichen Dank nochmal an dieser Stelle!

Immer im Einsatz

„Welche Bedeutung hat dieser Stein für dich?“

„Die Ehrenhaine in den Feldlagern wurden von den Soldaten errichtet, um ihren Kameraden die letzte Ehre zu erweisen. Sie waren Ort der Trauer und des Gedenkens im Einsatz. Dieser Stein, stellvertretend für alle Steine aus den Ehrenhainen der Bundeswehr, symbolisiert nicht nur den Verlust und den Schmerz eines gefallenen Kameraden, er steht für mich auch für den Schweiß und die Entbehrungen, die man im Auslandseinsatz erlebt.„


„Eine ausdrückliche Ehrung deutscher Soldaten auf französischem Boden! Warst du überrascht?

Ja, das war ich! Besonders darüber, dass die Stadt Frethun bei Calais, der Stele und somit „der ausdrücklichen Ehrung deutscher Soldaten“, zugestimmt hat. Sie haben sogar die Finanzierung übernommen. Eine Stadt, die im 2. Weltkrieg sehr unter den Deutschen litt. Die Franzosen sind bereit eine Linie zu ziehen und wissen, daß wir mittlerweile Seite an Seite in den Auslandseinsätzen kämpfen. Seit mehr als 20 Jahren führen wir international gemeinsame Missionen aus. Dort teilen wir die Entbehrung, die Anstrengungen, die Angst und den Schmerz über die gefallene Kameraden. Beide Länder haben dort Verluste erlitten und wenn ein deutscher Soldat fällt, stehen auch die französischen Kameraden Spalier und erweisen ihm die letzte Ehre. Es ist gut zu sehen das dieses Gefühl der Verbundenheit, nun auch außerhalb der Einsätze gelebt wird.“

„Ein bedeutsames Zeichen, sind wir auf internationaler Ebene, an einem neuen Punkt angekommen?“

Es ist auf jeden Fall ein sehr großes Zeichen! Die Ehrung deutscher Soldaten in Frankreich wird von beiden Seiten sehr positiv gesehen. Die Beziehungen zwischen den französischen und deutschen Veteranen ist durch die gemeinsamen Auslandseinsätze gut. Sie kämpften dort gemeinsam für die Sache. Man begegnet sich auf Augenhöhe und erkennt die neue Generation Soldaten der Bundeswehr als Partner an. Durch die ausdrückliche Ehrung hat man gezeigt, dass man bereit ist einen offiziellen Schnitt zu vollziehen. Ein Schnitt der zeigt, man sieht deutsche Soldaten als Kameraden und sie haben nichts mit der traurigen Geschichte des WWII zu tun.“

„Wir kennen den Status der Veteranen in unserer Gesellschaft, wie geht die französische Gesellschaft mit ihren Veteranen um?“

Die Franzosen sind mittlerweile in ihrer 4. Generation Veteranen. Der Generation, die aus den Einsätzen nach dem Algerienkrieg hervorgekommen ist. Die Akzeptanz innerhalb der Zivilgesellschaft, die Wertschätzung und der Respekt sind vorhanden. Das Thema Posttraumatische Belastung ist bewusst. Einmal im Jahr gedenkt man am „Journée nationale des blessés de l’armée de terre“, öffentlich den Verwundeten der Einsätze. Diesen Tag feiert man gemeinsam mit der Zivilgesellschaft und gedenkt der Soldaten, die an Leib und Seele verwundete wurden. Auch innerhalb der französischen Armee ist die Einbindung der Veteranenverbände intensiver. Man lädt sie zum Beispiel zu Gelöbnissen und anderen Veranstaltungen ein. Sie stehen den neuen Kameraden, als erfahrener Ansprechpartner bereit und ein militärischer Lehrgang, wird einem gefallenen Soldaten gewidmet. Das sind Ausdrücke von Wertschätzungen und Verantwortung, die man gegenüber den Veteranen zeigt.“

„Christophe abschließend die Frage:

Was wünschst du dir, für die Veteranenkultur in Deutschland? Was sind die Ziele, die erreicht werden sollen?“

Ich wünsche mir die Wahrnehmung und Anerkennung unserer Leistung! Durch die Zivilgesellschaft, aber auch vom aktiven Militär und der Politik. Das man uns in die Gesellschaft einbindet und wir nicht vergessen werden. Eine öffentliche Gedenkfeier, einen Veteranentag, der gemeinsam von Militär, Politik und Zivilgesellschaft ausgeht. Ein Tag, wo man der gefallenen, verstorbenen und verwundeten Soldaten gedenkt. Es ist wichtig, dass man diese Menschen in den Vordergrund bringt. Besonders die an Leib und Seele Verwundeten, die unsichtbar unter uns leben, muss man sichtbar machen. Es gibt die „Invictus Games“ auf internationaler Ebene, dort nehmen auch Versehrte aus Deutschland teil. Die verwundeten Soldaten begegnen sich dort auf Augenhöhe. Wenn unsere Gesellschaft das schafft, uns auf Augenhöhe zu begegnen, wären wir einen großen Schritt weiter.“

Kommentare 6
  • Danke Dir Christophe Böckling für Deine nie endende Energie, Deinem Einsatz und was Du immer wieder auf die Beine stellst. Wir sehen uns in 2020 bestimmt wieder.

  • Merci beaucoup pour ce très bel article.. Et pour votre soutien

  • Ich danke für alles welches Du für ein Teil des Herzens Frankreichs und Deutschlands, den Soldaten, vollbracht hast. Als Kind würde ich von meinem Vater zu den Gedenkstätten um Verdun geführt. Dieser Eindruck prägte mich bis heute. Im Mai des nächsten Jahres werde ich unseren Sohn, ein angehender Lehrer, in die Normandie führen.

  • DANKE an alle die die LEISTUNG unserer SOLDATEN,VERSEHRTEN und GETÖTETEN SOLDATEN hervorheben. Ich denke die meisten Deutschen wissen nicht (oder wollen nicht wissen ), was die Soldaten, für unsere Sicherheit leisten.

  • Ich als noch aktiver Soldat und ehemaliger Reservist kann nur sagen wenn es mehr Kameraden von deiner Sorte Christophe geben würde,würde das Ansehen unserer Veteranen in Deutschland einen anderen Stellenwert haben.Vielen Dank für dein Engagement Christophe mit Kamerradschaftlichen Gruß Andreas Meyer Stabsfeldwebel

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